Es ist Zeit abzurechnen.
Huch? Welch Macho-Ton! Ich lese trotzdem weiter:
Und der Ort der Abrechnung ist hier.
Aha!?
Hier, auf dem Titelblatt von “Le Figaro”, wo vor 100 Jahren, am 20. Februar 1909, die Anbetung des Lärms, die Aufforderung zur Misshandlung unserer Körper, die Anleitung zur ewig währenden Folter durch Schall ihren Ausgang nahmen. Hier, wo sich Filippo Tommaso Marinetti mit dem Futuristischen Manifest über sich selbst erhob und in unglaublicher Hybris die Geißeln der grenzenlosen Maschinisierung, Motorisierung und Mobilität und mit ihr die Geißel der grenzenlosen Schallentwicklung und mit ihr den kollektiven Missbrauch unserer Körper verherrlichte und damit alles befeuerte, was unseren Vorfahren Unheil und Tod brachte und uns und unsere Kinder bis heute quält:
Lärm!
Lärm!
Lärm!
Am 20. Februar 2009 las ich diese Zeilen des sogenannten Akustische Manifestes erstmals in einer ganzseitigen Anzeige der FAZ.
Anfangs schien mir: Vielleicht ein anregender Ansatz? Vielleicht ein Weg, tatsächlich eine Aufmerksamkeit, eine Hörmerksamkeit, eine Hörsamkeit mit breiter Resonanz anzuregen, zumindest im deutschsprachigen, womöglich aber gar im ganzen europäischen Raum?
Die Aussagen dieses Manifestes benannten im Kern durchaus etwas Richtiges, vor allem die elf numerierten Paragraphen:
4. Parallele Wände, uniforme Materialien und Oberflächen erhöhen die Belastung des Gehörs und verringern Sprachverständlichkeit und Hörsamkeit. Kinder quälen sich in den Schulen, niedergedrückt von der Gewalttätigkeit der Klassenräume.
11. Wir wollen Bauten und Städte mit einem ausgewogenen Raumklang, mit einem reichen Frequenzspektrum. Wir brauchen Räume, in denen wir uns ins Gespräch vertiefen und konzentriert arbeiten und denken können.
Unerträglich aber war und ist der unglaublich altbackene, bauhausisch-anthroposophoide Oberlehrer-, Besserwisser-, Grantler- und Volkstribunen-Ton:
Neues Bauen heißt Hören!
Befreit den Menschen aus der Sklaverei kapitalistischer Bewegungsideologie!
Kinder wollen hören lernen, um sich und die Welt zu entdecken. Gründet eine neue Schule!
Ruhezeiten und Ruheräume müssen ein Menschenrecht sein!
Schluss damit!
Wir wollen keine durchvibrierten, hyperaktiven kleinen Monster als Kinder!
Weg damit! Wir sind Menschen, keine Zielgruppe.
Furchtbar. Seither las ich dann immer mehr von der Hörstadt Linz; aus Anlass der Europäischen Kulturhauptstadt Linz anno 2009 wurde ich geradezu zugespammt davon.
Was der Komponist Peter Androsch hier also höchst mutig und stolz, im Einzelnen sogar durchaus völlig korrekt und angemessen als Bedürfnisse formuliert hat, wird leider geschwächt durch den Ton.
Der Autor nutzt den Manierismus und Manifestismus der Avantgarden des XX. Jahrhunderts: Er stellt sich im übertragenen Sinne direkt vor mich, führt ein Megaphon an seinen Mund und brüllt mich an mit den Worten: »Weniger Lärm!!!«
Ich möchte einem Museum des Hörens, auch einer akustischen Stadtplanung in Linz allen Erfolg wünschen. Einer Predigt von höchster Kanzel herab kann ich mich aber kaum anschließen. Sie missachtet die Vielfalt ihrer Hörerinnen und Hörer.