Der Abend vor dem ersten Mai. Gegen vier Uhr nachmittags war ich nachhausegekommen. Überreizt und verspannt, müde, von einem langen Tag mit vielen Terminen, sogar das Quietschen der U-Bahnschienen hatte mich mitgenommen, setzte ich mich noch einmal an den Rechner. Ein paar Mails waren zu beantworten, eine Quelle im Netz zu suchen, dann aber konnte ich mich endlich ins Bett legen. Für den Abend war geplant zum Oranienplatz zu gehen, ein Open Air-Konzert, und später sich auf meinem Balkon zu versammeln, um die Konfrontationen auf dem Platz vor meinem Haus zu beobachten. Für den Oranienplatz hatte ich abgesagt, heute wollte ich nicht mehr raus, freute mich aber auf einen Besuch meiner Freunde. Sie werden anrufen. Ich schlafe. Gegen neun Uhr oder etwas später klingelt die erste Freundin. Sie besorgt sich noch etwas zu trinken und mir netterweise noch was zu essen. Geld ist knapp. In der Zwischenzeit ziehe ich mich an und zeige ihr dann als erstes meine Wohnung, sie war noch nie bei mir. Einige Zeit später, wir sitzen schon und reden, kommen die beiden anderen Freunde. Anfang Juni erscheint die Platte, die jetzt gerade läuft, einer der beiden Freunde hat mir das Rezensionsexemplar eines Kollegen kopiert. Und meint, als er sie beim Hereinkommen schon wieder bei mir hört: »Die gefällt Dir ja wirklich!«
Als wir zusammensitzen berichtet der andere Freund, er lebt als Journalist in London, über Restaurantbesuche und das Viertel, in dem er wohnt. Letzten Freitag ist unsere Freundin aus Tokyo zurückgekommen und erzählt deshalb Geschichten von Shopping, Schulmädchensex und Mobiltelefonen. Auf dem Platz noch alles ruhig. Keine Trommeln, keine Feuer, nur gelegentliche Mannschaftswagen der Polizei.
Noch vor Mitternacht muss die Freundin los, weiter in einen Club, in dem auch heute wieder Freunde von ihr auflegen. In der Tür verabreden wir uns noch lose für den nächsten Nachmittag, im Park, dem Café dort. Wir übrigen hören schließlich doch noch Lärm vom Platz. Auf dem Balkon stehend sehen wir einige kleinere Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Grelle Scheinwerfer zweier Fernsehteams leuchten das ganze ziemlich gut aus. Viel passieren wird hier aber nicht mehr. Ich möchte jetzt doch ganz gerne, ziemlich erschöpft von diesem langen, reichen Tag, wirklich ins Bett gehen. Die beiden Freunde machen sich auf den Heimweg.
Der Nicht-Londoner wird, wie er mir am nächsten Tag erzählt, bei seiner Straßenbahnfahrt zurück in sein Viertel noch aufgehalten, der Park in der Nähe ist Ort mittlerer Kampfhandlungen. Der Londoner dagegen wohnt bei mir hier um die Ecke, schon länger als ich, und meint noch, beim Treppenruntergehen: »Auf gute Nachbarschaft!«
(Aus: Szenen aus dem Empire, 2002)