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Hören mit dem Körper

Sep 28, 2009 in Anthropology of Sound, Essay, Link, Philosophy, Research, Sound Studies


Entgegen einer aural fixierten Annahme hören wir nicht nur mit den Ohren. Die Ohren sind — sinnesanthropologisch gehört — die wichtigsten Ausstülpungen der empfindsamen Haut, ihrer Behaarung, ihrer Knorpel und Knöchel, darin geschult die Druckwellen, die von Ereignissen durch die Luft übertragen werden, aufzunehmen und hineinzutragen in unseren Körper und unser Empfinden. Wir hören aber nicht nur mit den Ohren. Wir hören selbstverständlich mit all den Nerven, die von dort aus unseren Körper durchziehen. Vor allem aber hören wir mit unserem gesamten Körper, der ein empfindsames Organ ist — nichts anderes.

Anatomische Konzeptionen seit der Neuzeit haben uns — nicht zuletzt in Schulbüchern und vulgärmedizinischen Ratgebern — den Körper stets als ein fest gefügtes Modulsystem aus Organen und Nerven- bzw. Blutkanalbahnen gezeigt. Doch hat nicht zuletzt der Wissenschaftshistoriker Michel Serres darauf hingewiesen, dass diese Körperkonzeption den faktischen Erkenntnissen der Wissenschaften wie auch des Selbsterlebens zuwiderläuft. Unsere Körper sind weder Dampfmaschinen noch mechanische Uhren, weder Königreiche noch Elektronengehirne.

Unsere Körper sind zarte, gewachsene und weiterhin wachsende Gebilde, die empfänglich auf vielerlei Weisen auf Geschehnisse in ihrer nächsten Umgebung antworten können. Ich höre mit meinen Ohren, natürlich — doch ich empfinde Wirkungen von Klangereignissen auch an meinen Ellenbogen, in meiner Schädeldecke, meinem Kehlkopf, natürlich in meinem Bauch, auch in meinen Fußsohlen, Zehen, in den Lenden.


Quelle: Hören mit dem Körper. Zur Reauratisierung und Neuer Musik als Klangkunst, in: Neue Zeitschrift für Musik 170 (2009), H. 5, S. 18-21.