Archive for April, 2009

 

Peter Androschs Akustisches Manifest

Apr 30, 2009 in Anthropology of Sound, Audio Branding, Aural Architecture, Functional Sounds, Popular Culture

Es ist Zeit abzurechnen.

Huch? Welch Macho-Ton! Ich lese trotzdem weiter:

Und der Ort der Abrechnung ist hier.

Aha!?

Hier, auf dem Titelblatt von “Le Figaro”, wo vor 100 Jahren, am 20. Februar 1909, die Anbetung des Lärms, die Aufforderung zur Misshandlung unserer Körper, die Anleitung zur ewig währenden Folter durch Schall ihren Ausgang nahmen. Hier, wo sich Filippo Tommaso Marinetti mit dem Futuristischen Manifest über sich selbst erhob und in unglaublicher Hybris die Geißeln der grenzenlosen Maschinisierung, Motorisierung und Mobilität und mit ihr die Geißel der grenzenlosen Schallentwicklung und mit ihr den kollektiven Missbrauch unserer Körper verherrlichte und damit alles befeuerte, was unseren Vorfahren Unheil und Tod brachte und uns und unsere Kinder bis heute quält:
Lärm!
Lärm!
Lärm!

Am 20. Februar 2009 las ich diese Zeilen des sogenannten Akustische Manifestes erstmals in einer ganzseitigen Anzeige der FAZ.

Anfangs schien mir: Vielleicht ein anregender Ansatz? Vielleicht ein Weg, tatsächlich eine Aufmerksamkeit, eine Hörmerksamkeit, eine Hörsamkeit mit breiter Resonanz anzuregen, zumindest im deutschsprachigen, womöglich aber gar im ganzen europäischen Raum?

Die Aussagen dieses Manifestes benannten im Kern durchaus etwas Richtiges, vor allem die elf numerierten Paragraphen:

4. Parallele Wände, uniforme Materialien und Oberflächen erhöhen die Belastung des Gehörs und verringern Sprachverständlichkeit und Hörsamkeit. Kinder quälen sich in den Schulen, niedergedrückt von der Gewalttätigkeit der Klassenräume.

11. Wir wollen Bauten und Städte mit einem ausgewogenen Raumklang, mit einem reichen Frequenzspektrum. Wir brauchen Räume, in denen wir uns ins Gespräch vertiefen und konzentriert arbeiten und denken können.

Unerträglich aber war und ist der unglaublich altbackene, bauhausisch-anthroposophoide Oberlehrer-, Besserwisser-, Grantler- und Volkstribunen-Ton:

Neues Bauen heißt Hören!

Befreit den Menschen aus der Sklaverei kapitalistischer Bewegungsideologie!

Kinder wollen hören lernen, um sich und die Welt zu entdecken. Gründet eine neue Schule!

Ruhezeiten und Ruheräume müssen ein Menschenrecht sein!

Schluss damit!

Wir wollen keine durchvibrierten, hyperaktiven kleinen Monster als Kinder!

Weg damit! Wir sind Menschen, keine Zielgruppe.

Furchtbar. Seither las ich dann immer mehr von der Hörstadt Linz; aus Anlass der Europäischen Kulturhauptstadt Linz anno 2009 wurde ich geradezu zugespammt davon.

Was der Komponist Peter Androsch hier also höchst mutig und stolz, im Einzelnen sogar durchaus völlig korrekt und angemessen als Bedürfnisse formuliert hat, wird leider geschwächt durch den Ton.

Der Autor nutzt den Manierismus und Manifestismus der Avantgarden des XX. Jahrhunderts: Er stellt sich im übertragenen Sinne direkt vor mich, führt ein Megaphon an seinen Mund und brüllt mich an mit den Worten: »Weniger Lärm!!!«

Ich möchte einem Museum des Hörens, auch einer akustischen Stadtplanung in Linz allen Erfolg wünschen. Einer Predigt von höchster Kanzel herab kann ich mich aber kaum anschließen. Sie missachtet die Vielfalt ihrer Hörerinnen und Hörer.

Minimal in Noise

Apr 30, 2009 in Art, Aural Architecture, Link, Sound Art

Früher habe ich immer gern auf Langwelle das Frequenzrauschen zwischen den Sendern angehört und herumgemischt, oder die synthetische Tonfolge an der Grenze von UKW.

Dieser Mann mit hervorragenden Ohren, macht etwas, das finde ich fast so gut, ist aber auch noch etwas ganz anderes:

Lee Patterson Fieldrecordings, der von Minimal Music aus auf noise hingehört.

Hola-hi-a-ho!

Apr 29, 2009 in Allgemein, Anthropology of Sound, Event, Link, Popular Culture, Posting, Sound Studies

„Horch, was kommt von draußen rein!“ 

so lautet das Motto des heute statfindenen 12. Aktionstag gegen Lärm -  International Noise Awareness Day, der u. a. von der deutschen Gesellschaft für Akustik organisiert wird.

” Im Mittelpunkt stehen dann alle Geräusche, die im täglichen Leben (zu Hause, am Arbeitsplatz, etc.) allgegenwärtig sind und vor allem in der eigenen Wohnung zur Belastung werden können.
Verkehrsgeräusche, deren Schalleinwirkung durch die Umsetzung der Umgebungslärmrichtlinie reduziert werden sollen (Schwerpunkt des „Tag gegen Lärm 2008“), werden somit weiterhin eine wichtige Rolle spielen. Aber auch der Bau-, Gewerbe- und Freizeitlärm soll am „Tag gegen Lärm 2009“ in das Blickfeld der Öffentlichkeit rücken.

Machen Sie mit beim “Tag gegen Lärm - International Noise Awareness Day 2009″ und tragen Sie durch Ihre Aktion dazu bei, das Thema Lärm an diesem Tag in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen! “

Mehr Infos unter  http://www.tag-gegen-laerm.de

Ein notwendiges Anliegen. Darüber hinaus sollte allerdings auch die Diskussion geführt werden, dass Lärm nicht immer nur Lärm ist.

So kann man z.B.  bis morgen (30.04.) noch eine Bundestags-Petition mitzeichnen, die einfordert, dass Kinderlärm nicht mit Gewerbe- & Autolärm gleichzusetzen ist.

“Der Deutsche Bundestag möge beschließen, dass durch Kinder erzeugter Lärm von Anwohnern und Betrieben nicht mit Gewerbe- oder Autolärm gleichgesetzt werden darf, dass Kindergärten, Kinderspielplätze, Skaterbahnen ect. nicht in Industriegebiete oder an die Stadtränder verlegt weden.
Begründung

Dass Gerichte Kindertagesstätten aus Wohngebieten entfernen, um Einzelnen Ruhe zu verschaffen. Familien mit Kindern, sind die Zukunft jeder Gesellschaft und verdienen höchste Wertschätzung, damit unsere Gesellschaft auch in Zukunft kreative und selbstbewusste Bürger hervorbringt. Durch die Vertreibung aus dem gewohnten Umfeld und Auflagen zum spielerischen Ausdruck, werden Kinder gezwungen von klein an den Kopf einzuziehen, das wird Menschen formen die sich nicht trauen Entscheidungen in Frage zu stellen. “

Direktlink: http://tinyurl.com/dzkpb3

Listening by Jean-Luc Nancy

Apr 29, 2009 in Anthropology of Sound, Philosophy

Eine beeindruckend stimmige, philosophische Annäherung an das Hören und die Musikalität:

To be listening is to be at the same time outside and inside, to be open from without and from within, hence from one to the other and from one in the other. (p. 14)

Moreover, the sound that penetrates through the ear propagates throughout the entire body something of its effects, which sould not be said to occur in the same way with the visual signal. (p. 14)

To be listening is to be inclined toward the opening of meaning, hence to a slash, a cut in un-sensed [in-sensée] indifference at the same time as toward a reserve that is anterior and posterior to any signifying punctuation. (p. 27)

To listen, as well as to look or to contemplate, is to touch the work in each part - or else be touched by it, which comes to the same thing. (p. 65)

Jean-Luc Nancy, À l’écoute, éditions Galilée Paris 2002 (englisch: Listening. Translated by Charlotte Mandell, Fordham University Press New York 2007).

VI. Symposion Sound Studies: Aural City | Die hörsame Stadt

Apr 27, 2009 in Anthropology of Sound, Audio Branding, Aural Architecture, Functional Sounds, Sound Studies, Symposion


VI. Symposion Sound Studies:

Aural City | Die hörsame Stadt
HEARINGS 2009

VI. Symposion Sound Studies: Aural City | Die hörsame Stadt




Samstag 9. Mai 2009 | 14 - 20 Uhr

Ort: Aula im UdK Medienhaus
Grunewaldstr. 2-5
10820 Berlin-Schöneberg


Programm:

14 Uhr
Prof. Dr. Holger Schulze
(Sound Studies - Akustische Kommunikation, Universität der Künste Berlin):
Die hörsame Stadt.
Eine Einführung

14.30 Uhr
Prof. Dr. Stephen Barras
(Faculty of Design and Creative Practice, University of Canberra):
Fear and Greed, Boom and Crash.
A method for Designing Sonifications

16.30 Uhr
Prof. Dr. Thomas Düllo
(Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, Universität der Künste Berlin):
Urban Life Under Construction.
Urban Sound Branding zwischen Baustelle, Zwischennutzung und Partizipation

18.30 Uhr
Prof. Alex Arteaga
(Forschungsgruppe Auditive Architektur, Universität der Künste Berlin):
Auditive Architektur.
Erforschung und Gestaltung der Klangumwelt Ernst-Reuter-Platz




Zur Lage der Musikpresse & -industrie

Apr 17, 2009 in Allgemein, Anthropology of Sound, Link, Sonic Fictions, Sound Studies


Kultur ist Porno - in dem Sinne, dass sie spannend sein muss, körperliches Wohlbefinden auslösen soll und entsprechend zur jeweiligen Stimmung eingesetzt wird.

Letztlich ist Kultur, insbesondere Popkultur, derzeit die konstitutive Dekoration ihrer Subjekte.

Mark Terkessidis: Die Musikpresse sieht ziemlich alt aus (Der Freitag Berlin 8. April 2009)


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Making the world safe for pleasure;

control and surrender;

kinds of abstraction sickness;

the north and south of you;

transcendence and intoxication:

what sex, art, religion, music and drugs have in common…

Brian Eno & David Byrne (Interview): The business is an exciting mess (The Guardian London March 27th 2009)